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Warum waren die Amis hier?
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Warum waren die "Amis" (eigentlich) hier?

Ein Protokoll über die Etappen des Kalten Krieges

 

Jugendliche und junge Erwachsene Augsburgs kennen die Zeit der US-Truppen nicht mehr. Sie leben in der aktuellen Politik und im gegenwärtigen Zeitgeschehen. Sie stellen sich eher die Frage, wieso überhaupt amerikanische Truppen über Jahrzehnte in Augsburg präsent waren. Was war der Grund? Welchen Bezug gab es zu Augsburg?

 

Nach einem rund sechs Jahre andauernden Weltkrieg war Augsburg von den Folgen der NS-Diktatur und der von ihr verursachten Zivilisationszerstörung gezeichnet. Truppen der 7. US-Armee rückten Ende April 1945 in Augsburg ein und markierten ein neues Zeitalter an Lech und Wertach. Die Soldaten waren überwiegend jung und bereits kriegserprobt, sie erlebten jedoch in ihrer Heimat keinerlei Berührung mit deutschem Militär, deutschen Kriegseinwirkungen und deutscher Kultur. Bis dahin hatten sie aber vielfach Verluste im familiären Umfeld auf den weltweiten Kriegsschauplätzen zu beklagen. Jetzt waren sie Sieger und von der ersten Stunde an Besatzer. Sie, aber nicht dieselben, blieben noch 53 Jahre lang in Augsburg.

In der Berliner Erklärung der vier Siegermächte (Alliierte) vom 5. Juni 1945 heißt es, daß diese die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernehmen. Deutschland wurde nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg die Fähigkeit zur Verantwortung über die Aufrechterhaltung von Ordnung abgesprochen.

Von Millionen US-Soldaten waren am 1.7.1945 nur noch 135.000 GIs in Deutschland, erst ab 1950 wuchs die Zahl wieder an, denn in diesem Jahr begann auch der Korea-Krieg. 99% der in Europa anwesenden WW2-Soldaten kehrten nach Kriegsende wieder in ihre Heimat zurück (Operation Magic Carpet). Bei der bereits Anfang Februar 1945 auf der Halbinsel Krim erfolgten Jalta-Konferenz wurde von den Siegermächten die Aufteilung Deutschlands in mehrere Zonen festgelegt. Doch zu dieser Zeit zeigten sich schon erste Risse in der Anti-Hitler-Koalition.

Mit der Belegung der zahlreichen deutschen Wehrmachtskasernen begann in der US-Zone der Aufbau vieler Klein-Amerikas, abgeschirmt von der deutschen Umwelt. Der Bau von 270 Kapellen (Chapels) allein in den beiden Nachkriegsjahren ermöglichte es, daß amerikanische Soldaten den Gottesdienst ohne Berührung mit Deutschen aufsuchen konnten. Die Vielzahl deutscher Kasernen und Militärliegenschaften gestatte es den Siegermächten, eine großzügige Infrastruktur für den sich bereits nach Kriegsende abzeichnenden Kalten Krieg einzurichten. Bemerkenswerterweise blieben fast alle Militäranlagen von den alliierten Bombenangriffen verschont.

Gründung der NATO: Die Anfänge des transatlantischen Bündnisses reichen in das Jahr 1948 zurück und waren gegen eine neuerliche Aggression Deutschlands ausgerichtet. Am 24.8.1949 trat der bereits im April des gleichen Jahres unterzeichnete Vertrag in Kraft. Der sowjetische Expansionsdrang und die Berlin-Blockade von 1948 führten entgegen der ursprünglichen Absicht am 6. Mai 1955 zur Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die NATO. Im gleichen Jahr gründete die UdSSR den Warschauer Pakt als Gegenpol.

In Artikel 5 des Nordatlantikvertrages vereinbarten die Parteien, daß ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen als ein Angriff gegen sie alle angesehen würde. Damit hatte man eine Beistandsleistung auch im Sinne der Anwendung von Waffengewalt zum Ausdruck gebracht („Bündnisfall“).

Die Pariser Verträge von 1954/55 regelten u.a., daß es sich bei den fremden Streitkräften in Deutschland nicht mehr um Besatzungstruppen, sondern um eine bewaffnete Macht handelt. Mit dem damit verbundenen Deutschlandvertrag wurde das Besatzungsstatut von 1949 aufgehoben und am 5. Mai 1955 die beschränkte Souveränität in Kraft gesetzt. Das Truppenstatut vom 19.6.1951 wurde zur Rechtsstellung für den Aufenthalt von NATO-Streitkräften und deren Angehörigen auf dem Territorium anderer NATO-Staaten.

Unbeachtet dieser Fakten wird von gewissen politischen Richtungen bis heute von einer amerikanischen Besatzungsmacht gesprochen, da es immer noch keinen Friedensvertrag gäbe. Selbst der Zwei-plus-Vier-Vertrag nach der deutschen Wiedervereinigung änderte an dieser Sichtweise nichts. Dieser gewährte nämlich Deutschland die volle Souveränität, die Vorbehaltsrechte der Alliierten wurden ausgesetzt. Daß gewisse (unbestätigte) Inanspruchnahmen von Sonderrechten den Siegermächten nach wie vor Vorteile verschaffen sollen (dürfen), ist eine unvermeidliche politische Spekulation.

Der Kalte Krieg zeichnete sich in Europa schon frühzeitig durch die Berlin-Blockade 1948 und der legendären Luftbrücke, der sowjetischen Niederschlagung des Berliner Volksaufstandes am 17. Juni 1953 mit 600 T-34 Panzern sowie des ungarischen Volksaufstandes 1956 mit etwa 20.000 getöteten Ungarn aus („Moskau schickte Panzer“). Der Kalte Krieg nahm in den 1950er Jahren einen bereits ungebremsten militärischen Höhepunkt ein. Entsprechend intensiv arbeiteten beide Seiten (USA und UDSSR) an der atomaren Aufrüstung. Die zahlreichen Atombombentests im amerikanischen Nevada sprachen eine deutliche Sprache, die Tests der Sowjets ebenso.

 

            Hier endete der Westen. Jenseits der Sperre lag die Welt des kommunistischen Regimes. 

 

13. August 1961: Mit dem Bau der Berliner Mauer festigte das kommunistische Machtregime der DDR mittels 14.500 Angehöriger (Soldaten und Betriebskampfgruppen) die absolute Trennung von Ost und West. US-Präsident Kennedy zauderte vor einer militärischen Überreaktion, schickte dann aber zusätzliche 1500 Soldaten nach West Berlin, nachdem die West Alliierten fast einen Tag lang die Aktion der Trennung nur mit Militärstreifen besichtigten. Eine politische wie militärische Zuspitzung erfolgte am 27.10.1961 am Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße. Die bizarre Konfrontation von jeweils zehn Kampfpanzern auf östlicher wie westlicher Seite ging in die Geschichte der Bildberichterstattung ein, und die Welt zitterte. Würde einer schießen? Es waren Sowjetpanzer, die nach Westen zielten, keine der DDR.

 

 

           Innerdeutsche Grenze in Berlin 1969. Es war die zweite Ausbaustufe einer Staatstrennung.

 

August 1968: Sieben Warschauer Pakt-Divisionen mit 2000 Panzern schlagen den Prager Frühling in der Tschechoslowakei nieder. Die Truppen in der Bundesrepublik standen im Alarmzustand, weil es zunächst (offiziell) nicht absehbar war, ob die großen sowjetischen Verbände nicht doch weiter in den westdeutschen Raum eindringen würden, mit dem Endziel Rhein. Für einen solchen Fall wären die amerikanischen, britischen, französischen und weitere in der BRD stationierten NATO-Verbündete im bewaffneten Konflikt mit den Warschauer Pakt-Staaten gestanden. Auch Augsburg wäre dann unmittelbar betroffen gewesen.

                 Moskau sprach Klartext in Prag. Das Volk bäumte sich auf. (Fotos: Josef Koudelka).

 

In den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich die Aufrüstung und das Wettrüsten beider Seiten exzessiv weiter. Es entstand die Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluß, der neue Pershing II-Raketen als Antwort auf die bis dahin (offiziell) unbekannten im Osten stationierten neuen SS20-Mittelstreckenraketen installierte. Gegen diese richtete sich allerdings nur wenig Protest in der Friedensbewegung. Schließlich kam der Punkt, an dem das kommunistische System in der permanenten Aufrüstungsspirale finanziell nicht mehr Schritt halten konnte.

 

Machtdemonstration mit großen Kalibern. Die Raketen befanden sich in den Schutzhüllen auf den gigantischen Fahrzeugen und wurden alle Jahre bei den Mai-Paraden auf dem Roten Platz gezeigt. Im Bild links eine Interkontinentalrakete TOPOL M1, rechts eine SS20. Die letzte dieser Mittelstreckenraketen wurde am 12. Mai 1991 vernichtet. 

Sowjetische Militärflugplätze in der einstigen DDR (oben, Google Earth). In Wäldern versteckt und mobil einsatzbereit die Raketen der Sowjets (unten). 

 

 

Die Perestroika-Politik unter Michail Gorbatschow ließ ab Ende 1988 eine Abkehr von der offensiven Ausrichtung der bisherigen GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) erkennen. Mit dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung standen nach Angaben des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst insgesamt 1116 Liegenschaften an 616 Orten (unter der WGT-Zeit ab 1989 777 Kasernenanlagen und 276 Orten), darunter 47 Flugplätze, 116 Truppenübungsplätze und 31 Kernwaffendepots zur „Verwendung“ an, die meisten Objekte in Brandenburg. Das Oberkommando der Sowjettruppen (GSSD, und ab 1989 Westgruppe der Truppen, WGT) lag in Wünsdorf.

 

                         Hinterlassenschaften der russischen Armee in der DDR (Foto: vimudeap).

 

Insgesamt befanden sich 1991 auf dem Boden der DDR russischerseits 4200 Panzer, 8200 gepanzerte Fahrzeuge, 3600 Geschütze und über 200.000 Kraftfahrzeuge jeglicher Art, 700 Hubschrauber und 180 Raketensysteme. Der Höchststand der Sowjetrüstung in der DDR lag bei 2 Millionen Soldaten (100 Divisionen), 7000 Kampfpanzer, 6500 Schützenpanzer und 700 Flugzeugen (Angaben Wikipedia). Die Lagerorte nuklearer Sprengköpfe blieben weiterhin geheim, ihre Depots wurden aber später aufgefunden. Die DDR war eine militärstrotzende waffenstarrende Landschaft, deren Hinterlassenschaften heute noch abgearbeitet werden. Der Sowjetarmee untergeordnet war die Nationale Volksarmee der DDR.

Zahlenmäßig konnten die in Mitteleuropa verfügbaren NATO-Ressourcen nicht mithalten. Es war ein offenes Geheimnis, daß zur Abwehr eines Angriffs die nukleare Schwelle schnell überschritten gewesen wäre. Angenommen war stets ein Überfall der Warschauer Pakt-Staaten in der norddeutschen Tiefebene, wo Panzerverbände schnell gen Westen vorwärts dringen konnten. In diesem Raum, auch Fulda Gap genannt, erwartete man schwerwiegende Panzerschlachten, um einen sowjetischen Vorstoß aufzuhalten. Deshalb wurde die damalige Panzerumrüstung frühzeitig auf M60-Typen (US) und Leopard 1 (Bundeswehr) vorrangig in den dortigen Standorten betrieben.

Allein auf deutscher Seite standen damals rund 2000 Kampfpanzer im Dienst. Die fortschreitende Waffenerneuerung fand stets zuerst im flachen norddeutschen Raum statt. Es war wenig wahrscheinlich, daß sich sowjetische Panzerverbände als Erstes durch die hügelige Landschaft des Bayerischen Waldes nach Süddeutschland quälen würden. Die militärische Reaktion der Bündnistruppen sorgte in der BRD insb. in Rheinland Pfalz und Hessen für mit Kasernen, Fliegerhorste und Depots gespickte Waldstriche. Dazu kamen unterirdische Kommandozentralen und Notlandebahnen auf Autobahnen.

 

Diese Graphik zeigt die einst vermuteten Angriffszonen der Warschauer Pakt-Armeen zur Einnahme Westdeutschlands. Die angenommenen Stoßrichtungen der "Roten Armee" sind in ihrer strategischen Bedeutung entsprechend stark ausgeprägt dargestellt. Im Norden zwischen Fulda und Helmstedt das legendäre Fulda Gap. Nach der Wiedervereinigung haben sich in aufgefundenen Dokumenten diese Annahmen als geplante Realität gezeigt.

 

 

             Wettrüsten: Zahl der weltweiten Atomsprengköpfe von West und Ost. (Foto: Wikipedia).

 

Zur Abschreckung der östlichen Bedrohung führte man ab 1969 die Reforger-Herbstmanöver ein („Retourn of Forces to Germany = Rückkehr von Streitkräften nach Deutschland). Dies war ein Zugeständnis an die europäische Besorgnis, daß die für Ende der 1960er Jahre geplante Truppenreduzierung keinen Verlust der amerikanischen Verteidigungsfähigkeit mit sich brächte. So flog man Truppenverbände aus den USA nach Deutschland, wo sie mit den hier in Depots gelagerten Fahrzeugen und Panzern in Kürze ihre Kampfbereitschaft erlangen konnten. Deutschland gewöhnte sich an den US-Schutz.

Die ersten Übungen im Rahmen der NATO begannen mit 17.000 Teilnehmern, 1971 waren es bereits 33.000 Soldaten, 1973 schon 53.000. Einen vorläufiger Höhepunkt bildete Reforger 1982 mit 72.000 Soldaten. Bei der Übung „Certain Challenge“ im Jahr 1985 rollten gigantische 15.000 Radfahrzeuge sowie 6000 Kettenfahrzeuge der NATO durch Westdeutschland. Die Sowjetführung wertete solche Manöver und ihre enorme Truppenpräsenz stets als Vorbereitung zu einem echten Angriffskrieg gegen den Osten.

 

Die Big Lift-Operation von 1963 war das größte bis dahin je durchgeführte Transatlantik-Manöver der USA. Eine ganze Autobahn wurde für die Bereitstellung der Kampfverbände gesperrt. In den Kisten lag scharfe Panzermunition. (Foto: National Archives).

Soweit das Auge reicht: Das Big Lift-Kriegswaffendepot in Kaiserslautern 1963. (Foto: LIFE, via usarmygermany).

 

 

           Auch das Depot in Germersheim veranschaulichte die amerikanische Präsenz in der BRD. 

 

 

              Die Standorte der amerikanischen Atomwaffenlager in Westdeutschland (Google Earth).

 

 

Amerikanische Pershing II-Raketen als Antwort auf russische SS20-Raketen (Foto: National Archives).

 

 

Links: Ein Sonderwaffenlager der U.S. Army nach der Auflösung. Rechts und unten: Versteckte Waffendepots überzogen die westdeutsche Landschaften.

Die 30kg schwere Davy Crockett war ab 1956 die kleinste je gebaute US-Nuklearwaffe mit einer Reichweite von bis zu 4km und sollte das unmittelbare Schlachtfeld unterstützen (Foto: US government).

 

Auf eine andere Weise nahm ab den 1970er Jahren der Nachrichtendienst der Army Security Agency (ASA) in Augsburg seine Aufgabe zur Frühwarnung und Überwachung militärischer Funktätigkeit in den Ostblockstaaten wahr. Die große Wullenweber-Antenne in Gablingen gewährleistete einen Schutz zur Aufklärung möglicher Aggressionsvorbereitungen hinter dem „Eisernen Vorhang“. Fast 30 Jahre lang dienten amerikanische Soldaten und Soldatinnen, aber auch anderer NATO-Staaten in Augsburg der Sicherheit Europas. Keine feindselige Absicht durfte verborgen bleiben. Und Gablingen war nicht die einzige westliche Abhöranlage dieser Art auf dem Globus.

Im August 1994 vollzog sich vereinbarungsgemäß der Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR, in Augsburg räumten zeitgleich die Amerikaner als erstes die Flak Kaserne. Der Kalte Krieg war zu Ende. Bis 1998 war noch der Gablinger Nachrichtendienst mit der 66th MI Group als letzte Einheit in Augsburg. Mit dem Ablauf der hier skizzierten Geschichte läßt sich die Beantwortung der Frage, warum die „Amis“, also die amerikanischen Truppen so lange in Augsburg waren, verständlich machen. Augsburg war nur ein kleiner aber nicht unbedeutender Baustein im Kräftespiel der militärischen Abschreckung zwischen Ost und West. Es war eine fragile Stabilität von Krieg und Frieden, ein Wechselspiel von Macht, Geo-Strategie und politischen Interessen.

 

(Hinweis: Für Interessierte, die sich in die verschiedenen Themenfelder des Kalten Krieges vertiefen wollen, steht in der Medienwelt ein umfangreiches Angebot an digitalen wie gedruckten Informationen zur Verfügung. Zur Wegweisung sind im Beitrag einige Schlagworte fett oder kursiv hervorgehoben).

 

 

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